Kaum ein Thema beherrscht den HR-Bereich in den letzten Jahren so sehr wie das der Digitalisierung. Eine überschaubare Anzahl an direkten bedingt eine ungleich größere Anzahl an indirekten Folgen und Auswirkungen für den Arbeitsmarkt. Die im Zuge der Digitalisierung stetig steigende Geschwindigkeit der Abläufe fordert Personalabteilungen weltweit. Von heute auf morgen können sich Vakanzen ergeben, auf die reagiert werden muss. Da der globale Talentpool nicht unerschöpflich ist, sind Personaler fast gezwungen, ihre Recruiting-Bemühungen an den „War for Talents“ genannten Zustand auf dem Arbeitsmarkt anzupassen.

Neue Wege

Wie könnte eine erfolgreiche Anpassung aussehen? Mit dem Wissen im Hinterkopf, dass beruflicher und privater Bereich zunehmend verschmelzen und mobile Eingabegeräte wie Smartphones immer stärker in die Arbeitsabläufe eingebunden werden, erscheint es reizvoll, auf der Suche nach Inspirationen auch auf den privaten Bereich zu schauen und dort etablierte Innovationen in die Arbeitswelt zu überführen. Ein entsprechender Versuch orientiert sich am sich scheinbar verändernden Habitus bei der Partnerwahl und versucht, das Prinzip Tinder auf die Suche nach Talenten in der Arbeitswelt anzuwenden.
Tinder ist eine seit 2012 verfügbare Smartphone-App, die in Verbindung mit einem Facebook-Account die Online-Partnerwahl beschleunigt. Dem Nutzer werden Bilder potenzieller Partner angezeigt, die er mit einfacher Geste in interessant und uninteressant unterteilen kann. Liegt wechselseitiges Interesse vor, eröffnet die App den Nutzern die Möglichkeit zur direkten Kommunikation. Die vermeintlichen Vorteile liegen dabei in der Schnelligkeit und Direktheit.

Dieses Prinzip versucht ein Berliner Startup seit 2014 auf die Jobsuche zu übertragen. Die nach eigenen Angaben „beste Job App“ truffls verweist bereits mit dem Namen auf das Ziel, aus dem Überangebot an Jobs die besonderen herauszufinden und wurde bereits 90.000 mal heruntergeladen. truffls bietet täglich etwa 150.000 Jobs, die nach dem von Tinder bekannten Prinzip durch Arbeitssuchende sortiert werden können. Trifft das Interesse eines Arbeitnehmers auf das eines Arbeitgebers, kann per direkter Kommunikation ein Termin für ein Bewerbungsgespräch vereinbart werden. Anders als beim Vorbild ist das Angebot allerdings nicht für beide Seiten kostenfrei. Während der Arbeitssuchende den Dienst kostenfrei nutzt und lediglich mit der Preisgabe seiner Daten zahlt, stammend die Annoncen entweder von Kooperationspartnern wie monster oder Stepstone oder aber direkt von Unternehmen, die zwischen 79€ und 899€ pro Monat zahlen.
Eine Parallele ist hingegen die Anmeldung, die wie bei Tinder über das Profil in einem Online-Netzwerk, in diesem Fall Xing oder LinkedIn, erfolgen kann. Ein unabhängiger Login inklusive Eingabe des persönlichen Lebenslaufs ist allerdings auch möglich.

Berufliche Partnerwahl

Damit setzt truffls auf die Vorteile von Tinder, die vor allem in Schnelligkeit, Nutzerkomfort und Effizienz liegen. Darüber hinaus treffen Unternehmen die Entscheidung lediglich auf Basis von hard skills und Fakten, was die Entscheidung objektiver gestaltet.
Hat truffls jetzt also das Zeug dazu, den Arbeitsmarkt zu revolutionieren?
Das Prinzip ist spannend und vielversprechend, birgt aber auch Nachteile. So werden bei der Einschätzung die immer wichtiger werdenden Soft Skills und der Charakter des Bewerbers gänzlich vernachlässigt, was zwar objektiv, aber auch sehr oberflächlich ist. Auch die Tatsache, dass persönliche Daten an Dritte gehen, missfällt vielen. Außerdem kann die App ein Bewerbungsverfahren nicht ersetzen, sondern lediglich die Anbahnung eines Bewerbungsgespräches erleichtern.
Letztendlich steht und fällt der Erfolg von truffls mit der Zahl der Nutzer. 90.000 Downloads sprechen aktuell noch nicht für weite Verbreitung. Noch ist die App also vor allem bei den early adopters und nicht bei der breiten Masse angekommen und dient Unternehmen maximal als zusätzlicher Kanal auf der Suche nach Talenten. Nimmt die Verbreitung jedoch zu, wird truffls vor allem eines bewirken: die ohnehin schon starke Position der Bewerber weiter stärken.